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Energiewende im Check: Welche Fakten stimmen wirklich?

10.08.2016

Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an die Energiewende denken? Hohe Kosten? Besserer Klimaschutz? „Monstertrassen“? Fakt ist: Das Mammutprojekt ist in vollem Gange, einige Risiken inklusive. Aber welche Behauptungen über die Energiewende sind richtig und welche nur ein Mythos? PREISVERGLEICH.de. macht den Check.

Berlin – Weg von Atom, Kohle und Gas. Hin zu Sonne, Wind und Biomasse. Das ist – einfach gesagt – die Energiewende. Was sie aber auch ist: ein ewiger Zankapfel für Politiker, Umweltschützer, Industrie, Landbesitzer, Investoren. Denn es geht nicht nur um Atomausstieg und Klimaschutz, sondern auch um viel Geld – und das betrifft jeden, der Strom aus der Steckdose bekommt. Ein Faktencheck:

Fakt 1: Die Energiewende macht den Strom teurer.

Es stimmt, dass viele Strom-Endkunden wegen der Energiewende mehr zahlen müssen. Das heißt aber nicht, dass der Strom an sich teurer wird. Im Gegenteil: Der sogenannte Börsenstrompreis, zu dem Versorger Strom im Großhandel einkaufen, sinkt seit Jahren drastisch – was etlichen Energiekonzernen enorme Probleme eingebrockt hat.

Deutschen Stromkunden müssen zusätzlich aber verschiedene Steuern, Abgaben und Umlagen zahlen – darunter die EEG-Umlage. Diese steigt, wenn die Börsenpreise für Strom sinken. Der Grund: Wer zum Beispiel einen Windpark betreibt, bekommt für den produzierten Strom – bisher – eine festgeschriebene Vergütung, die über die Umlage finanziert wird.

2016 liegt die EEG-Umlage bei 6,354 Cent pro Kilowattstunde. Die Denkfabrik Agora Energiewende hat errechnet, dass sie im kommenden Jahr auf 7,1 bis 7,3 Cent ansteigen wird – hauptsächlich, weil der Börsenstrompreis weiter sinkt. Trotzdem dürfte sich für Stromkunden wenig ändern, wenn die Energiekonzerne ihre sinkenden Kosten auch weitergeben. Ein Vier-Personen-Haushalt verbraucht laut „Stromspiegel 2016“ im Schnitt etwa 4.200 Kilowattstunden pro Jahr. Damit zahlt dieser Haushalt 2017 ungefähr 300 Euro für die EEG-Umlage.

Fakt 2: „Monstertrassen“ für den Ökostrom verschandeln die Natur.

Das Thema Netzausbau gehört zu den schwierigsten in der Energiewende. Die Hauptaufgabe: Der Windkraft-Strom aus dem Norden muss in den Süden. Zuständig ist die Bundesnetzagentur. Wie gut es mit dem Ausbau läuft, ist Ansichtssache. Dem sogenannten Bundesbedarfsplangesetz zufolge sind etwa 6.200 Kilometer an Leitungen nötig – nach dem ersten Quartal 2016 waren 65 Kilometer gebaut und 350 Kilometer genehmigt.

Mit dem Kampfbegriff „Monstertrassen“ meinen Kritiker die großen Nord-Süd-Stromleitungen. Die Politik einigte sich im vergangenen Jahr nach Druck vor allem aus Bayern darauf, dass Erdkabel Vorrang haben. So sollen Klagen verhindert werden, die Zeit und Geld kosten.

Die Erdverkabelung macht den Netzausbau aber teurer und langsamer. Erdkabel kosten das Drei- bis Zehnfache von Überlandleitungen. Der Netzagentur zufolge wird die 800 Kilometer lange SuedLink-Trasse – die „Hauptschlagader“ der Energiewende – erst 2025 fertig, drei Jahre später als geplant. 2022 geht das letzte Atomkraftwerk vom Netz.

Fakt 3: Durch den Ökostrom-Ausbau gibt es insgesamt zu viel Strom.

Inzwischen kommt mehr als ein Drittel des deutschen Stroms aus Öko-Quellen, auch in der Summe steigt das Angebot an Elektrizität. Die heutigen Stromnetze können überlastet werden, denn es kann nur eine bestimmte Strommenge durchlaufen. Und wenn der Wind kräftig weht und die Sonne knallt, dann gibt es in Deutschland mehr Strom, als in die Netze passt. Darauf sind mehrere Antworten möglich: 1. Die Netze müssen ausgebaut werden. 2. Die Erneuerbaren müssen gebremst werden. 3. Atom- und Kohlekraftwerke müssen abgeschaltet werden. 4. Der Strom muss gespeichert werden. 5. Der Stromverbrauch muss sich dem Angebot besser anpassen – über ein sogenanntes Lasten-Management.

Wie Lasten-Management für Privatleute gehen kann, beschreibt etwa die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE): „Die Verbraucher müssen stets über die vorhandenen Stromkapazitäten informiert sein und Anreize zur Anpassung ihrer Stromnachfrage durch entsprechende Tarife und Preissignale bekommen. Zudem müssen sich Geräte wie zum Beispiel Spülmaschinen, Trockner und Waschmaschinen entsprechend steuern beziehungsweise programmieren lassen.“

Zudem kritisieren nicht nur Umweltschützer, dass Atom- und Kohlekraftwerke ihre Stromproduktion zu Spitzenzeiten oft nicht so reduzieren, wie sie es könnten. Andererseits ist ihre Flexibilität tatsächlich begrenzt: Es dauert, sie wieder auf Touren zu bringen.

Fakt 4: Die Energiewende ist gut für den Klimaschutz.

Theoretisch ja. „Energiewende ist Schlüssel für mehr Klimaschutz“, heißt es beim Umweltministerium. Die Grundidee: Erneuerbare Energien ersetzen nach und nach Strom aus fossilen Kraftstoffen – also Kohle, Erdgas und Erdöl. Wenn diese verbrannt werden, entsteht das klimaschädliche Treibhausgas CO2, das zur Erderwärmung beiträgt.

Obwohl immer mehr Strom etwa aus Sonnen- und Windkraft produziert wird, bleibt die Kohlestrom-Produktion aber recht konstant. Während der Strombedarf zuhause zunehmend über Erneuerbare gedeckt wird, wird viel Kohlestrom ins Ausland exportiert. Vor allem die Niederlande, Österreich und Frankreich beziehen so Strom aus Deutschland.

Der Grund: Die Preise für Kohle und für Lizenzen zum CO2-Ausstoß sind niedrig – Kohlestrom bleibt also billig. Kohlekraftwerke verdrängen deshalb sogar klimafreundlichere und flexiblere Gaskraftwerke vom Markt, die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland sind zuletzt leicht gestiegen. Zahlen des Umweltbundesamts zeigen aber: Nachdem die Stromproduktion in Deutschland zwischen 2011 und 2013 klimaschädlicher wurde, gibt es seit 2014 wieder eine Verbesserung.

Fakt 5: Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, gehen ohne Kohle die Lichter aus.

Bisher gibt es in Deutschland noch genug flexible Kraftwerke, die Engpässe problemlos ausgleichen können. Rezepte für die Zukunft sind das beschriebene Lasten-Management und Stromspeicher: Überschüsse sollen gespeichert und später bei Bedarf ins Netz eingespeist werden. Da ist allerdings noch viel zu forschen und zu entscheiden.

Ein Stichwort ist „Power to Gas“. Dabei geht es um das Speichern von Strom im Gasnetz, die Umwandlung passiert über einen chemischen Prozess. Forscher arbeiten daran, dafür möglichst effiziente und günstige Methoden zu entwickeln. Das Gas kann als Wärmequelle oder Kraftstoff eingesetzt, aber auch in Strom zurückverwandelt werden. Wirtschaftlich ist das noch nicht. Die Strategieplattform „Power to Gas“ der Deutschen Energie-Agentur (Dena) strebt eine Markteinführung bis 2022 an.

Andere Ansätze sind die Flexibilisierung des Strommarkts auch über Ländergrenzen hinweg, die Anpassung des Bedarfs an das Angebot, Pumpspeicher, Druckluft-Speicher oder riesige Batterien.

Text: dpa/pvg

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