Die Merit Order ist der zentrale Preisbildungsmechanismus an der Strombörse: Kraftwerke werden nach ihren Grenzkosten sortiert eingesetzt – vom günstigsten zum teuersten – und das zuletzt benötigte Kraftwerk bestimmt den Preis für alle. Für Stromkunden in Deutschland ist dieses Prinzip hochrelevant, denn es erklärt, warum Börsenstrompreise steigen oder fallen und warum ein windreicher Tag die Stromrechnung langfristig entlasten kann. Die Merit Order verbindet Strombörse, Strompreisbildung, erneuerbare Energien und den Gaspreis zu einem einzigen Marktmechanismus.
Der Begriff Merit Order stammt aus dem Englischen und bedeutet sinngemäß „Rangfolge nach Verdienst" oder „Reihenfolge nach Vorzug". Im Strommarkt bezeichnet er die Abfolge, in der Kraftwerke entsprechend ihrer Grenzkosten zur Stromerzeugung herangezogen werden. Als Marktmechanismus ist die Merit Order das Herzstück des europäischen Spotmarkts für Strom. Sie steuert, welches Kraftwerk zu welchem Zeitpunkt Strom ins Netz einspeist – nicht nach politischer Vorgabe, sondern nach dem Prinzip der Kosteneffizienz.
Die Merit Order gilt als Grundlage der Strompreisbildung, weil sie direkt festlegt, zu welchem Preis Strom an der Börse gehandelt wird. Das Einheitspreisverfahren (englisch: uniform price auction) sorgt dafür, dass sämtliche Anbieter den gleichen Börsenpreis erhalten. Nämlich den Preis des teuersten noch benötigten Kraftwerks. Dadurch entsteht ein transparenter, wettbewerblicher Markt.
Die Grenzkosten eines Kraftwerks sind die variablen Kosten, die entstehen, wenn eine zusätzliche Megawattstunde (MWh) Strom erzeugt wird. Also im Wesentlichen Brennstoffkosten und CO₂-Kosten, nicht jedoch Investitions- oder Fixkosten. Die Reihenfolge der Kraftwerke in der Merit-Order-Kurve:
| Rang | Kraftwerkstyp | Grenzkosten | Warum so eingeordnet? |
|---|---|---|---|
| 1 | Wind, Solar, Laufwasser | ~0 €/MWh | Kein Brennstoff, kaum variable Kosten |
| 2 | Kernkraft (soweit aktiv) | sehr niedrig | Geringe Brennstoffkosten |
| 3 | Braunkohle | niedrig–mittel | Günstige Rohstoffe, hohe CO₂-Kosten |
| 4 | Steinkohle | mittel | Importpreisabhängig |
| 5 | Gas (GuD, Gasturbinen) | hoch | Hoher Gaspreis + CO₂-Kosten |
| 6 | Ölkraftwerke / Pumpspeicher | sehr hoch | Nur für Spitzenlast |
Erneuerbare Energien werden in der Regel zuerst eingesetzt, weil ihre Grenzkosten nahezu null betragen. Da Wind weht und Sonne scheint, entfällt die „Rechnung" für den Brennstoff.
Die günstigsten Kraftwerke liefern zuerst Strom. Reicht ihre Produktion nicht aus, werden schrittweise teurere Kraftwerke zugeschaltet, so lange, bis der gesamte Strombedarf gedeckt ist. Kraftwerksbetreiber bieten ihren Strom an der Strombörse (z. B. EPEX SPOT) zu ihren Grenzkosten an. Gleichzeitig fragen Händler und Netzbetreiber Strom nach, bis Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht sind. Das letzte Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage benötigt wird, nennt man Grenzkraftwerk. Sein Preis bestimmt den Strompreis für alle, den sogenannten Markträumungspreis. Ist die Stromnachfrage niedrig (zum Beispiel nachts bei viel Windenergie), reichen günstige Kraftwerke aus und der Börsenpreis bleibt niedrig. Steigt die Nachfrage stark an (etwa an einem kalten Winterabend), müssen teurere Kraftwerke – häufig Gaskraftwerke – einspringen. Dadurch erhöht sich der Strompreis.
Der Börsenpreis ist nicht identisch mit dem Endkundenpreis. Auf den Börsenstrompreis kommen Netzentgelte, Steuern, Umlagen und Vertriebsmargen hinzu – erst dann entsteht die Stromrechnung.
Im Einheitspreisverfahren erhält jeder Anbieter, der in der Merit Order unterhalb des Grenzkraftwerks liegt, denselben Preis wie das Grenzkraftwerk selbst, auch wenn er viel günstiger hätte produzieren können. Ein Windpark mit Grenzkosten von 0 €/MWh erhält also denselben Preis wie ein Gaskraftwerk mit 120 €/MWh, sofern das Gaskraftwerk gerade das Grenzkraftwerk ist. Das klingt paradox, ist aber ökonomisch sinnvoll: Dieses System schafft Anreize zum Bau neuer Kraftwerke, denn Investoren können ihre Fixkosten über die Differenz zwischen Marktpreis und Grenzkosten (die sogenannte Infrarente oder Deckungsbeitrag) refinanzieren.

Wind-, Solar- und Laufwasserkraftwerke stehen ganz am linken, günstigen Ende der Merit-Order-Kurve. Der Grund: Ihre variablen Kosten sind nahezu null. Kein Brennstoff muss eingekauft, kein CO₂ bezahlt werden. Die einzigen relevanten Grenzkosten sind geringfügige Betriebs- und Wartungskosten. Das bedeutet: Immer wenn ausreichend Wind oder Sonne vorhanden ist, werden diese Kraftwerke zuerst und vollständig eingesetzt. Sie „verdrängen" teurere fossile Kraftwerke aus dem Markt – das ist der Kern des Merit-Order-Effekts (dazu mehr im nächsten Abschnitt).
Besonderheiten der erneuerbaren Energien in der Merit Order:
Fossil befeuerte Kraftwerke unterscheiden sich stark in ihren Grenzkosten: Braunkohle hat trotz hoher CO₂-Intensität vergleichsweise niedrige variable Kosten, da die heimisch geförderte Braunkohle günstig ist. Braunkohle-Kraftwerke sind schwer regelbar und laufen daher meist im Grundlastbetrieb. Steinkohle ist teurer, weil die Kohle importiert werden muss. Der Weltmarktpreis beeinflusst die Grenzkosten direkt. Gas ist häufig das teuerste eingesetzte Kraftwerk und damit oft das Grenzkraftwerkund gleichzeitig der Preissetzer im Markt. Gaskraftwerke sind gut regelbar und werden bei Bedarfsspitzen zugeschaltet. Ihr Nachteil: Erdgas ist teuer, und zusätzlich fallen CO₂-Kosten an. Wenn der Gaspreis steigt, steigt automatisch auch der Börsenstrompreis.
Nehmen wir an, an einem Werktagnachmittag beträgt die Nachfrage 8.000 MW. Folgende Kraftwerke stehen zur Verfügung:
| Kraftwerk | Leistung (MW) | Grenzkosten (€/MWh) | Kumulierte Leistung (MW) |
|---|---|---|---|
| Windparks | 3.000 | 0 | 3.000 |
| Braunkohlekraftwerk | 2.000 | 35 | 5.000 |
| Steinkohlekraftwerk | 2.000 | 70 | 7.000 |
| Gaskraftwerk | 2.000 | 120 | 9.000 |
| Niedriger Wasserstand (Dürre) | Leicht steigend | Sommermonate | Hoher Gaspreis + CO₂-Kosten |
Ergebnis: Das Gaskraftwerk bestimmt mit seinen Grenzkosten von 120 €/MWh den Markträumungspreis. Alle anderen Kraftwerke – auch der Windpark mit 0 €/MWh Grenzkosten – erhalten ebenfalls 120 €/MWh für ihren eingespeisten Strom.
Die zwei wichtigen Stichpunkte sind hier die Restlast und die Nachfrage. Die Restlast ist die Strommenge, die nach Abzug der erneuerbaren Einspeisung noch durch konventionelle Kraftwerke gedeckt werden muss. Sie ergibt sich aus:
Je höher die Restlast, desto weiter rechts auf der Merit-Order-Kurve muss das Grenzkraftwerk liegen und desto teurer wird der Börsenstrompreis. Bei hoher Restlast (kalter Winterabend, kein Wind, keine Sonne) müssen teure Gaskraftwerke oder sogar Ölpeaker den Bedarf decken. Bei niedriger Restlast (windiger Frühlingssonntag) reichen günstige Kraftwerke aus.
Ein weiterer Kostenfaktor sind Gas- und CO₂-Preis. Da Gaskraftwerke in Deutschland und Europa sehr häufig das Grenzkraftwerk stellen, hat der Gaspreis einen überproportional großen Einfluss auf den Börsenstrompreis. Steigt der Gaspreis um 10 €/MWh (bezogen auf den Energieinhalt), kann der Börsenstrompreis um 20–25 €/MWh steigen – je nach Wirkungsgrad der Gaskraftwerke. Hinzu kommen die CO₂-Preise im Rahmen des Europäischen Emissionshandels (EU-ETS). Kraftwerke müssen für jede emittierte Tonne CO₂ Zertifikate kaufen. Steigt der CO₂-Preis, erhöhen sich die Grenzkosten fossiler Kraftwerke und damit der Markträumungspreis. Gasanlagen sind zwar CO₂-effizienter als Kohle, dennoch verteuern hohe CO₂-Preise auch Gas erheblich.
| Einflussfaktor | Wirkung auf Börsenstrompreis | Besonders relevant in | Warum so eingeordnet? |
|---|---|---|---|
| Gaspreis steigt | Stark steigend | Heizperiode, geopolitische Krisen | Kein Brennstoff, kaum variable Kosten |
| CO₂-Preis steigt | Mäßig bis stark steigend | Steigende Klimapolitik | Geringe Brennstoffkosten |
| Viel Wind/Solar | Sinkend | Sommer, stürmische Perioden | Günstige Rohstoffe, hohe CO₂-Kosten |
| Hohe Nachfrage (Kälte) | Steigend | Winter, Morgen-/Abendspitzen | Importpreisabhängig |
| Niedriger Wasserstand (Dürre) | Leicht steigend | Sommermonate | Hoher Gaspreis + CO₂-Kosten |
Der Endkundenpreis für Strom setzt sich aus mehreren Bestandteilen zusammen. Der Börsenstrompreis ist nur einer davon und er macht je nach Stromtarif und Liefervertrag einen unterschiedlich großen Anteil aus. Weil Versorger Strom oft Monate im Voraus beschaffen (Terminmarkt), schlägt ein Anstieg des Spotpreises nicht sofort auf die Jahresrechnung durch. Preisänderungen kommen bei Haushaltskunden typischerweise mit 6–18 Monaten Verzögerung an – mit Ausnahme von variablen Spot-Tarifen (Dynamischen Stromtarifen), die direkt an den Börsenstrompreis gekoppelt sind.
Die Merit Order ist ein eleganter und bewährter Marktmechanismus mit klaren Stärken:
Transparente Preisbildung: Weil jedes Kraftwerk seinen Grenzkostenpreis bietet und das Einheitspreisverfahren gilt, ist der Preisbildungsprozess öffentlich nachvollziehbar. Börsenstrompreise können in Echtzeit auf Plattformen wie EPEX SPOT abgerufen werden.
Effizienter Einsatz günstiger Stromerzeugung: Günstige Kraftwerke – insbesondere erneuerbare Energien – werden immer zuerst genutzt. Das minimiert die gesamtwirtschaftlichen Erzeugungskosten und stellt sicher, dass kein teures Kraftwerk läuft, solange ein günstigeres verfügbar ist.
Marktkonforme Förderung der Energiewende: Das Modell gibt erneuerbaren Energien einen strukturellen Wettbewerbsvorteil durch ihre niedrigen Grenzkosten.
Vereinfachtes Modell der Realität: In der Praxis spielen auch Anfahrkosten, Mindestlastzeiten, Netzengpässe und strategisches Bieterverhalten eine Rolle. Die reine Grenzkostentheorie ist eine Annäherung.
Netzentgelte, Steuern und Umlagen trennen Börsen- und Endpreis: Der Endkundenpreis ist nicht identisch mit dem Spotmarktpreis. Netzentgelte, Stromsteuer, Mehrwertsteuer und ggf. Konzessionsabgaben machen zusammen oft mehr als die Hälfte der Stromrechnung aus.
Spotmarkt und Jahresrechnung klaffen auseinander: Versorger sichern sich Strom über den Terminmarkt ab – mitunter ein bis zwei Jahre im Voraus. Ein kurzfristig niedriger Spotpreis schlägt sich daher nicht sofort in günstigeren Tarifen nieder, ein hoher Preis dafür auch nicht sofort in höheren.