28.10.2026

Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien hat im dritten Quartal 2026 mit einem Anteil von rund 62 Prozent an der gesamten Netzeinspeisung einen neuen Höchstwert erreicht. Zeitgleich kletterten die Notierungen an der Strombörse für kurzfristige Lieferungen auf ein Mehrjahreshoch von durchschnittlich 98 Euro pro Megawattstunde (MWh). Für private Haushalte und Gewerbetreibende wirft diese gegenläufige Entwicklung drängende Fragen zur zukünftigen Gestaltung der Stromtarife auf. Verbraucher müssen sich darauf einstellen, dass die Phase sinkender Großhandelspreise vorerst beendet ist und Versorger die gestiegenen Beschaffungskosten schrittweise an Neukunden weitergeben.
Die offiziellen Marktdaten für die Sommermonate und das frühe vierte Quartal 2026 zeigen ein bemerkenswertes Bild der deutschen Stromwirtschaft. Windkraftanlagen an Land und auf See sowie Photovoltaikanlagen lieferten kontinuierlich erhebliche Mengen elektrischer Energie in das Übertragungsnetz. Trotz dieses breiten Angebots an kostengünstig erzeugtem Ökostrom verharrten die Großhandelspreise nicht auf dem niedrigen Niveau des Vorjahres, sondern zogen seit August 2026 kontinuierlich an.
Verantwortlich für dieses scheinbare Paradoxon ist das Zusammenspiel aus saisonal steigender Gesamtnachfrage und der wetterabhängigen Einspeisung der Erneuerbaren. Sobald die Stromerzeugung aus Wind und Sonne in den Abendstunden zurückgeht, steigt der Bedarf an steuerbarer Kraftwerksleistung sprunghaft an. Da industrielle Abnehmer und private Haushalte zu diesen Spitzenzeiten gleichzeitig Energie nachfragen, reicht das Angebot der erneuerbaren Energieträger allein nicht aus, um das Netz stabil zu halten.
In der Folge müssen konventionelle Erzeuger zugeschaltet werden, um die Residuallast vollständig abzudecken. Im dritten Quartal 2026 trieben vor allem gestiegene Beschaffungspreise für Erdgas sowie anziehende Kosten für europäische Emissionszertifikate die Betriebsausgaben dieser Reservekraftwerke in die Höhe. Dies spiegelte sich unmittelbar in den täglichen Abrechnungen an der Strombörse wider.
Um die Preisbildung an den europäischen Handelsplätzen zu verstehen, ist ein Blick auf das etablierte Merit-Order-Prinzip erforderlich. Nach dieser marktbasierten Einsatzreihenfolge speisen Kraftwerke entsprechend ihrer Grenzkosten ein, also den reinen Kosten für die Erzeugung einer zusätzlichen Kilowattstunde (kWh). Erneuerbare Energieträger besitzen nahezu keine Brennstoffkosten und stehen daher an erster Stelle der Rangfolge.
Der tatsächliche Abrechnungspreis für alle Marktteilnehmer richtet sich jedoch stets nach dem Grenzkraftwerk, das als letzte Einheit den Zuschlag erhält, um die gesamte Nachfrage zu decken. Wird in einer Stunde auch nur ein einziges Erdgaskraftwerk benötigt, bestimmt dessen teure Kilowattstunde den einheitlichen Börsenpreis für den gesamten gehandelten Strom. Günstig produzierter Solar- und Windstrom wird somit nach dem gleichen hohen Satz vergütet wie der teure Spitzenstrom.
| Kraftwerkstyp | Durchschnittliche Grenzkosten | Rolle bei der Preisbildung |
|---|---|---|
| Photovoltaik und Windkraft | 0 bis 3 Euro pro MWh | Verdrängen teure Erzeuger bei viel Sonne und Wind |
| Kernkraft (europäischer Import) | 15 bis 25 Euro pro MWh | Dient als Grundlast im europäischen Verbundnetz |
| Steinkohlekraftwerke | 65 bis 85 Euro pro MWh | Decken mittlere Nachfragespitzen bei mäßigem Wind ab |
| Erdgas- und Spitzenlastkraftwerke | 95 bis 125 Euro pro MWh | Setzen als Grenzkraftwerk häufig den finalen Börsenpreis |
Dieser Mechanismus verdeutlicht, warum ein wachsender Anteil erneuerbarer Energien zwar tagsüber zu temporär sehr niedrigen Großhandelspreisen führt, die Tagesdurchschnittspreise jedoch hoch bleiben können. Solange flexible Speicher und wasserstofffähige Erzeugungsanlagen nicht in ausreichender Kapazität zur Verfügung stehen, bestimmen fossile Spitzenlastkraftwerke das übergeordnete Preisniveau. Für Verbraucher bedeutet dies, dass ein neuer Ökostrom-Rekord die monatlichen Stromabschläge keineswegs automatisch reduziert.
Während die Tagespreise am kurzfristigen Börsenmarkt täglichen Schwankungen unterliegen, blicken Energieversorger bei ihrer Kalkulation vor allem auf die Terminmärkte. Dort sichern sich Energieunternehmen Lieferkontrakte für die kommenden Kalenderjahre. Die Notierungen für das Lieferjahr 2027 sind zuletzt auf rund 154 Euro pro Megawattstunde gestiegen, für 2028 liegen sie bei rund 114 Euro pro Megawattstunde.
Wissenschaftliche Analysen bestätigen, dass eine grundlegende Entspannung der Stromgroßhandelspreise in den nächsten drei Jahren unwahrscheinlich bleibt. Zu den treibenden Faktoren gehören der schrittweise Ausstieg aus der Kohleverstromung, der wachsende Strombedarf durch Rechenzentren, Wärmepumpen und Elektromobilität sowie anhaltend hohe Zertifikatspreise für Kohlendioxid (CO2). Zudem erfordert die Bereitstellung flexibler Kraftwerkskapazitäten erhebliche Investitionen, die sich in den langfristigen Großhandelspreisen niederschlagen.
Prüfen Sie bei der Wahl eines neuen Stromtarifs gezielt Angebote mit einer Erstvertragslaufzeit von zwölf Monaten. Damit sichern Sie sich gegen kurzfristige Marktschwankungen ab und bleiben flexibel, falls neue regulatorische Entlastungen wirksam werden.
Die Entwicklung der Börsenpreise erreicht die Stromrechnung privater Haushalte nicht von heute auf morgen. Energieversorger beschaffen die benötigten Strommengen meist langfristig in rollierenden Tranchen über mehrere Jahre im Voraus. Diese vorausschauende Einkaufsstrategie glättet Preissprünge, führt im Umkehrschluss aber auch dazu, dass die aktuellen Höchstwerte der Terminmärkte die Tarife zeitverzögert erreichen.
Während günstige Neukundentarife im Frühjahr 2026 im Bundesdurchschnitt noch bei rund 24 bis 27 Cent pro Kilowattstunde lagen, verzeichnen Anbieter im Oktober 2026 bereits Angebote um 30 bis 31 Cent pro Kilowattstunde. Bestandskunden profitieren häufig noch von älteren Verträgen, müssen jedoch zum Jahreswechsel mit Benachrichtigungen über Preisanpassungen rechnen. Neben den reinen Beschaffungskosten wirken auch steigende Netzentgelte für den Netzausbau preistreibend auf die Gesamtrechnung.
Die folgende Übersicht stellt die typische Zusammensetzung des Haushaltsstrompreises im Spätherbst 2026 dar:
| Kostenbestandteil | Anteil am Gesamtpreis | Tendenz für 2027 |
|---|---|---|
| Beschaffung und Vertrieb | 41 Prozent | Leicht steigend aufgrund hoher Terminmarktpreise |
| Netzentgelte und Messstellenbetrieb | 25 Prozent | Steigend durch Investitionen in die Netzinfrastruktur |
| Steuern, Umlagen und Abgaben | 34 Prozent | Steigend durch höhere Netzumlagen |
Angesichts der langfristigen Prognosen gewinnt die vertragliche Absicherung für private Stromkunden zunehmend an Bedeutung. Viele Stromanbieter werben mit Preisgarantien, doch zwischen den vertraglichen Regelungen bestehen erhebliche finanzielle Unterschiede. Verbraucher sollten vor einem Vertragsabschluss genau prüfen, welcher Anteil des Arbeitspreises tatsächlich vor künftigen Erhöhungen geschützt ist.
Achten Sie bei Sonderkündigungsschreiben Ihres bisherigen Versorgers auf die gesetzliche Frist: Sie haben nach Zugang einer Ankündigung zur Preiserhöhung das Recht, den Vertrag ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist zum Zeitpunkt des Wirksamwerdens zu kündigen. Prüfen Sie das angegebene Datum daher unverzüglich.
Das Zusammenspiel aus Rekordmengen an Ökostrom und anhaltend hohen Börsenpreisen wird den deutschen Strommarkt auf absehbare Zeit prägen. Für private Verbraucher bedeutet diese Entwicklung, dass die Zeiten historisch günstiger Sondertarife vorerst vorüber sind und die Tarife bis 2029 auf einem spürbar erhöhten Niveau verbleiben dürften. Wer derzeit noch in der Grundversorgung verweilt oder eine Preiserhöhung des bisherigen Versorgers erhält, sollte zeitnah einen strukturierten Strompreisvergleich durchführen. Der Wechsel zu einem soliden Anbieter mit einer verlässlichen Preisgarantie für mindestens zwölf Monate schützt das Haushaltsbudget wirksam vor weiteren Kostensteigerungen im kommenden Jahr.
Quellen: Bundesnetzagentur / SMARD Strommarktdaten | Fraunhofer ISE / Energy Charts | Agora Energiewende | Statistisches Bundesamt

Alexander Schmiel
Als Experte für Strom und Gas behält Alexander die aktuellen Nachrichten und Entwicklungen zu Energie-Themen im Blick. Daraus leitet er bei PREISVERGLEICH.de wertvolle Tipps und Einordnungen der Marktlage für Nutzerinnen und Nutzer ab.