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Energiewende: Wer kauft die Vattenfall-Braunkohle?

27.04.2016

Foto Wer hat es auf die Braunkohle-Sparte von Vattenfall abgesehen?Strom aus Braunkohle soll in Deutschland bald der Vergangenheit angehören. Die Energiewende macht’s möglich. Deshalb greifen Finanzinvestoren aus Tschechien jetzt nach Tagebauen und Kraftwerken in der Lausitz, dem zweitgrößten Braunkohle-Revier Deutschlands. Doch wer steckt eigentlich dahinter? Ein Überblick mit Fragen und Antworten.

Prag/Berlin – Die tschechische Energie- und Industrieholding EPH hat den Zuschlag für die Übernahme der Braunkohle-Sparte von Vattenfall in Ostdeutschland erhalten. Die Tagebaue und Kraftwerke in Brandenburg und Sachsen werden auf einen Wert von 3,4 Milliarden Euro taxiert, bringen aber auch Kosten mit sich. In Deutschland ist der Investor aus dem Nachbarland noch relativ unbekannt.

Wer steht hinter EPH?

Der Kopf hinter dem Unternehmen heißt Daniel Kretinsky. Er ist erst 40 Jahre alt – und doch schon einer der reichsten Tschechen. Nach dem Jura-Studium in Brünn (Brno) legte er eine Blitzkarriere beim slowakischen Finanzinvestor J&T hin. Gemeinsam mit dem Finanzmogul und J&T-Mitgründer Patrik Tkac startete Kretinsky 2009 die EPH-Gruppe, die innerhalb kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Akteure in der mittelosteuropäischen Energiebranche avancierte.

Schultert EPH den Kauf der Vattenfall-Braunkohle allein?

Nein. EPH hat sich mit einem zahlungskräftigen Partner zusammengetan, der PPF-Gruppe des Multimilliardärs Petr Kellner. Nach einer Schätzung der Zeitschrift „Forbes“ ist Kellner der reichste Tscheche. Er soll Berichten zufolge mit einer privaten Boeing 737 durch die Welt jetten. EPH und PPF haben zum Kauf der Vattenfall-Standorte ein Konsortium gegründet, das sie jeweils zu 50 Prozent tragen.

Warum investiert EPH in die ostdeutsche Braunkohle?

Kretinsky ist überzeugt davon, dass erneuerbare Energiequellen wie Wind, Solar und Biomasse die fossilen Träger Kohle, Gas und Atom noch lange nicht ersetzen können. Bis zum Ende der Übergangszeit jedenfalls lasse sich mit den alten Kraftwerken vielleicht noch gutes Geld verdienen. Die Wirtschaftszeitung „Hospodarske Noviny“ aus Prag spricht von einer „Wette darauf, dass die Energiepolitik einiger europäischer Staaten undurchdacht ist“ – gemeint ist damit auch die Energiewende in Deutschland. Zugleich brauchen die klassischen Versorger dringend frisches Geld, um ihre Geschäfte angesichts immer unrentablerer Kohlekraftwerke neu zu ordnen. Da lässt sich aus Sicht der Tschechen das eine oder andere „Schnäppchen“ machen.

„Mittelfristig wird es zu einer Erholung auf dem Energiemarkt kommen“, betont EPH-Vorstandsmitglied Jan Springl. Die Tschechen schwärmen zudem von der überdurchschnittlichen Effizienz der Braunkohle-Verstromung in der Lausitz: „Wir schätzen die Qualität des Geschäfts und die Fähigkeiten der Beschäftigten sehr.“

Dabei ist Deutschland für EPH kein Neuland: Seit 2011 ist der Braunkohleförderer Mibrag mit Sitz in Zeitz (Sachsen-Anhalt) eine hundertprozentige Tochter. EPH habe reichlich Erfahrung, sowohl mit Braunkohle als auch im Umgang mit Politik und Gewerkschaften in Deutschland, hebt Vattenfall-Chef Magnus Hall hervor.

Warum kaufen die Tschechen nicht zuerst im eigenen Land ein?

Einige der größten Braunkohle-Tagebaue in Nordböhmen wie „Bilina“ bei Teplice und „Nastup“ bei Chomutov gehören dem zu zwei Dritteln staatlichen Energiekonzern CEZ – und stehen nicht zum Verkauf. Andere gingen bei der oftmals undurchsichtigen Privatisierung großer Teile des einstigen Staatsvermögens an konkurrierende Finanzgruppen. Tschechien hat den Tagebau-Ausbau zudem im Jahr 1991 per Gesetz begrenzt und bestimmte Fördergebiete festgelegt. Seither wurden die geltenden Beschränkungen nur stellenweise aufgeweicht.

Was weiß man sonst noch über Kretinsky und Co.?

Kretinsky ist Mitbesitzer des Fußballvereins Sparta Prag. Nur seine Fußball-Leidenschaft sei noch größer als seine Begeisterung für die Energiebranche, heißt es. Er spielt Golf, sammelt Kunst und mag italienische Sportwagen. Kretinsky lebt nach eigener Aussage in einer Villa, die einst der kunstinteressierte und bibliophile Bankier Jaroslav Preiss (1870-1946) für sich und seine Geliebte bauen ließ. Obwohl er mitunter wegen seines Bubengesichts belächelt wird, gilt Kretinsky als harter Verhandler.

Gibt es auch Kritik an EPH?

Finanzanalysten weisen auf den hohen Schuldenstand hin. Bei einem Umsatz von knapp 3,7 Milliarden Euro 2014 lag der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen bei fast 1,4 Milliarden Euro – die Schulden nach einer Schätzung der Zeitschrift «Ekonom» aber zugleich bei über fünf Milliarden Euro. Ein teilweiser Börsengang ist in Planung, um Geld in die Kassen zu spülen. Andere halten Kretinsky für ein „weißes Pferd“ – im Tschechischen ein Begriff für Stellvertreter, hinter denen sich anonyme Besitzer verstecken. Sein Name taucht auch im Zusammenhang mit den „Panama Papers“ auf. Dass ihm die Firma „Wonderful Yacht Holdings“ auf den Britischen Jungferninseln gehört, bestreitet sein Sprecher nicht: „Ihr einziger Zweck ist der Besitz eines Katamarans.“

Mehr über die Braunkohle in der Lausitz erfahren Neugierige im folgenden Video:

Quelle: YouTube/spiegeltv

Text: dpa/pvg
Bild: dpa

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