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Grafenrheinfeld vor dem Aus: Hält unser Stromnetz stand?

23.06.2015

Umweltschützer freut’s: Ende Juni wird planmäßig das älteste deutsche Atomkraftwerk, verortet in Grafenrheinfeld in Unterfranken, endgültig abgeschaltet. Strommangel droht durch die Zuwächse bei den Erneuerbaren Energiequellen nicht. Doch das Aus hält einige bedeutsame Folgen für unser Stromnetz bereit. Ob es stabil bleibt oder zunehmend auf wackligen Füßen steht, verrät PREISVERGLEICH.de.

München – Die gute Nachricht: Nach der Abschaltung des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld am kommenden Wochenende wird voraussichtlich weiter Strom aus jeder bayerischen Steckdose kommen. Den ursprünglich befürchteten Engpass wird es nach Einschätzung des Landeswirtschaftsministeriums nicht geben. «Die Versorgungssicherheit in Bayern ist durch die Abschaltung von Grafenrheinfeld in keiner Weise bedroht», sagt Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU).

Grafenrheinfeld wird abgeschaltet

Mehr als 33 Jahre lang hat der unterfränkische Atommeiler Strom geliefert. Aigner ist sicher, dass es auch nach dem 27. Juni keine Probleme geben wird: «Die problemlose Abschaltung von Grafenrheinfeld zeigt, wie weit wir mit der Energiewende in Bayern und Deutschland bereits gekommen sind.»

Die wegfallende Strommenge könne durch neue Erneuerbare-Energien-Anlagen und konventionelle Kraftwerke in Deutschland und Europa ersetzt werden. Und zur Netzstabilisierung seien bereits «umfangreiche technische Maßnahmen» ergriffen worden. «Das ist ein guter Moment, um einmal positiv über die Energiewende zu sprechen», sagt Aigner.

Unternehmen beklagen mangelnde Planung

Etwas weniger sonnig ist die Einschätzung der bayerischen Wirtschaft. Vier Jahre nach dem Atomausstiegs-Beschluss gebe es «immer noch keinen umfassenden Plan, was bis wann passieren muss, um eine sichere Stromversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen auch über 2022 hinaus zu garantieren», kritisiert Bertram Brossardt, der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft. «Inzwischen läuft uns die Zeit davon.»

Brossardt beklagt «punktuelle Korrekturversuche und zähe Diskussionen» um einzelne Vorhaben. «Ein umfassender Energiewende-Plan ist überfällig.»

Bayerns Stromproduktion sinkt

Denn je weniger Strom in Bayern produziert wird, desto abhängiger wird Bayern von Stromimporten aus anderen Bundesländern und dem Ausland – insbesondere Österreich. Grafenrheinfeld allein produzierte nach den Daten der bayerischen Energiewirtschaft 2014 etwa ein Sechstel des bayerischen Stroms – zehn von insgesamt gut 60 Milliarden Kilowattstunden.

Dieses Sechstel wird künftig fehlen. Schon seit Jahren geht die bayerische Stromerzeugung kontinuierlich zurück. 2010 etwa waren noch 73 Milliarden Kilowattstunden in Bayern produziert wurden. Grafenrheinfeld ist nach Isar I der zweite bayerische Reaktor, der abgeschaltet wird. In Betrieb bleiben Gundremmingen B und C sowie Isar II, die von 2017 bis 2022 vom Netz gehen werden.

Stromnetz muss ausgebaut werden

Doch das bundesweite Stromnetz ist noch nicht für die Verlagerung der Stromproduktion von süddeutschen Atomkraftwerken zu norddeutschen Windanlagen umgebaut – so ist zumindest die Struktur der Energiewende angelegt. Doch dafür fehlen die Leitungen. Von Jahr zu Jahr steigt daher der Aufwand zur Stabilisierung des Netzes – im Fachjargon «redispatch» genannt.

Das bedeutet, dass der Stromtransport von Nord- nach Süddeutschland gedrosselt werden muss, um eine Überlastung des Netzes zu vermeiden. Stattdessen wird der Strom dann entweder in Süddeutschland in Reservekraftwerken erzeugt oder aus dem Ausland importiert.

Hohe Kosten für Reserveleistungen

Für den kommenden Winter 2015/16 haben Bundesnetzagentur und Netzbereiter dafür eine Spanne zwischen 6.700 und 7.800 Megawatt Reservekraftwerksleistung verordnet, die zur Verfügung stehen muss. «Redispatch» bedeutet faktisch auch, dass eigentlich zur Verfügung stehender Windstrom aus Nord- und Ostdeutschland in Süddeutschland nicht verbraucht werden kann, weil das bestehende Stromnetz dafür nicht geeignet ist. Die Stromindustrie bekommt für den «redispatch» Sonderzahlungen vom Bund, die Kosten in alljährlich dreistelliger Millionenhöhe tragen die Bürger.

Doch «Redispatch» ist nicht nur teuer, sondern auch technisch aufwendig – das Netz wird instabiler. «Damit die Versorgungssicherheit nach 2022 gewährleistet werden kann, ist außerdem der Netzausbau auf allen Spannungsebenen nötig», verlangt Brossardt. Doch das Gesamtkonzept für die Energiewende fehlt nach wie vor.

Was nach der Abschaltung mit dem ältesten deutschen Atomkraftwerk passiert, erklärt das folgende Video:

Quelle: YouTube/Bayerischer Rundfunk

Text: dpa/pvg

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